Schlagwort: hoffnung

  • Trauma-tisch befreiend

    23 Jahre lang wusste ich nicht, was mit mir nicht stimmt. Es war ein ungreifbares Gefühl – eine innere Unruhe, die immer da war, ohne dass ich je wusste, woher sie kam. Ein ständiger Druck auf der Brust, der niemals nachließ, als würde etwas in mir toben, ohne dass ich es benennen konnte. Ich fühlte mich wie ein Schatten meiner selbst, ein Fragment, das nirgendwo hinpasste.

    Es war nicht einfach nur ein Gefühl von Angst. Es war mehr – eine Schuld, die ich nie wirklich fassen konnte. Für alles verantwortlich zu sein, selbst für Dinge, die ich nie getan hatte. Schuld, obwohl keine Tat vorhanden war. Eine Last, die ich trug, obwohl mir niemand sagte, dass sie mir gehörte.

    Seit meiner Kindheit hat mich dieses Gefühl verfolgt, in jeder Situation, in jedem Schritt, den ich machte. Ich versuchte, es zu ignorieren, es wegzudrücken – doch es blieb. Es war wie ein Echo, das immer lauter wurde. Immer wieder hörte ich in meinem Kopf: „Du bist schuld. Du bist nicht genug.“ Doch was war ich wirklich schuld? Wofür? Ich wusste es nicht. Es war nur da, diese leere, schmerzhafte Schuld, die ich in mir spürte, ohne dass sie einen Namen hatte.

    Dann, an einem dieser Tage, als ich dachte, ich würde daran zerbrechen, hörte ich einen Satz: „Du hast ein Trauma, wir beginnen mit der dazugehörigen Therapie.“

    Es war der Moment, der alles veränderte. Endlich – endlich gab es einen Namen für dieses Gefühl. Endlich gab es etwas, das all die chaotischen Gedanken, die wie wirbelnde Stürme in meinem Kopf umherzogen, in etwas Greifbares verwandelte. Trauma. Dieses Wort, so schwer und so leicht zugleich, gab mir eine Form, die ich zuvor nicht kannte.

    Es fühlte sich an wie ein Schlüssel, der endlich ins Schloss passte. Als ob ich mich selbst zum ersten Mal in meinem Leben verstand. Aber auch als ob ich erst jetzt wirklich begreifen konnte, was in mir passiert war – was mir in all den Jahren genommen wurde. Die Worte, die mich befreiten, ließen mich gleichzeitig wütend und erleichtert zurück. Erleichtert, weil ich jetzt endlich wusste, was mit mir los war. Wütend, weil ich so lange in dieser Unsicherheit gefangen war, ohne dass mir jemand geholfen hatte, es zu verstehen.

    Es ist ein Gefühl, das ich nicht in Worte fassen kann. Wie eine unsichtbare Last, die du nie ablegen kannst. Wie ein schwerer Mantel, der dich niederdrückt, ohne dass du weißt, warum du ihn trägst. Ich habe in all den Jahren alles versucht – Ablenkung, Verdrängung, Ignorieren. Doch es blieb immer da.

    Jetzt sehe ich es klarer. Ich erkenne die Muster. Ich erkenne, wie tief sie in mir verankert sind, wie sie jede Entscheidung, jede Beziehung, jede Bewegung in meinem Leben beeinflusst haben. Ich sehe die Unsicherheiten, die mich lähmen, und ich weiß, dass ich nicht einfach weiterlaufen kann, als wäre nichts geschehen.

    Aber – zum ersten Mal fühle ich, dass der Weg in die richtige Richtung führt. Ich erkenne, dass ich die Kontrolle zurückgewinnen kann. Es ist, als würde mein inneres Kind, das so lange geschrien hat, endlich Gehör finden. Als würde jemand kommen, es an die Hand nehmen und sagen: „Ich sehe dich. Ich verstehe dich. Du bist nicht allein.“

    Vielleicht wird dieser Weg nie ganz einfach sein, aber ich habe jetzt ein Ziel, ein Ziel, das sich real anfühlt. Ein Ziel, das ich erreichen kann. Und mit jedem Schritt, den ich mache, spüre ich, wie das Echo der Vergangenheit leiser wird – vielleicht nicht für immer, aber genug, um in die Zukunft zu blicken.

  • Mein unsichtbarer Sturm

    2–3 Minuten

    Borderline. Ein Wort, das vieles bedeutet und doch oft nur eine vage Vorstellung hinterlässt. Viele sehen das Klischee – Impulsivität, Selbstzerstörung, emotionale Achterbahn. Doch was ist, wenn der Sturm leise tobt? Wenn er nicht in Schreien oder Wutausbrüchen ausbricht, sondern in einem inneren Kampf?

    Ich nehme dich mit auf meine Reise – dorthin, wo Borderline nicht laut und zerstörerisch nach außen wirkt, sondern still an mir zehrt. Doch ich will dir nicht nur die Schatten zeigen. Denn inmitten des Chaos gibt es Farben. Es gibt Momente, in denen ich die Welt so intensiv spüre, dass sie mich fast überwältigt. Und genau für diese Momente stehe ich auf. Immer wieder.


    „Was, du hast Borderline? Man merkt es dir gar nicht an.“
    „Du bist nicht die typische Borderlinerin.“
    „Ich habe dich noch nie schreien gesehen – machen die nicht alles kaputt?“

    Sätze, die klingen wie harmlose Kieselsteine.
    Doch wenn sie auf mich prasseln, hinterlassen sie Spuren auf meiner Haut, in meinem Inneren.
    Ich weiß, sie sind nicht böse gemeint.
    Aber sie lassen mich fühlen, als würde man meinen Kampf nicht sehen.
    Als hätte ich keinen Grund, müde zu sein.

    Doch er ist da. Immer.

    Wie Nebel, der sich in jede Pore setzt.
    Wie eine zweite Haut, die mich umschließt und mir die Luft nimmt.
    Ich lächle, ich funktioniere, ich tue alles, damit du es nicht merkst.
    Aber jeder Morgen ist ein Kampf.
    Das Aufstehen – ein erster Sieg über etwas, das mich nach unten zieht.
    Meine Gedanken sind wie Fäden, die mich an mein Bett binden,
    die mich flüstern hören: „Bleib liegen. Es hat doch keinen Sinn.“
    Und doch stehe ich auf.

    Ich suche nach etwas, das mich ganz macht.
    Nach einem Puzzleteil, das endlich passt.
    Doch jedes Stück, das ich finde, hat falsche Kanten,
    falsche Farben,
    gehört nicht dorthin, wo ich es brauche.

    Und dann ist da diese Wut.
    Nicht laut, nicht brüllend, nicht nach außen gerichtet.
    Sondern eine Flamme, die tief in mir brennt.
    Sie frisst an mir, nagt an mir,
    flüstert mir zu, dass ich nie genug sein werde.

    Wenn ich meinem Borderline eine Farbe geben müsste, wäre es weiß.
    Nicht die reine, unschuldige Leere,
    sondern Weiß wie eine durchsichtige Folie,
    die sich zwischen mich und die Welt schiebt.
    Du siehst sie nicht, aber ich spüre sie jeden Tag.
    Sie dämpft alles, trennt mich von der Wirklichkeit,
    macht mich zu einem Geist in meinem eigenen Leben.

    Und dann kommt der Wind.
    Ein Windstoß, der mir meinen Blumenstrauß entreißen will.
    Mein Glück, meine Farben,
    meine zerbrechliche Sammlung an Lichtblicken.
    Er zerrt an mir, will mich umwerfen.
    Manchmal gelingt es ihm.
    Aber weißt du was?

    Ich stehe wieder auf. Immer.

    Weil es sich lohnt – für das Glück, für die Farben, für mich.

    Denn Borderline ist nicht nur Schmerz.
    Es ist auch Intensität. Es ist das tiefe Fühlen.
    Es ist die Fähigkeit, Schönheit in einer Tiefe wahrzunehmen, die andere vielleicht nie spüren werden.
    Es sind die Momente, in denen ich Farben sehe, Musik in meinem ganzen Körper fühle,
    die Welt nicht nur sehe, sondern erlebe.

    Nicht jeder erlebt Borderline gleich.
    Manche kämpfen laut, andere leise.
    Aber in all dieser Vielfalt liegt eine Wahrheit:
    Jeder Kampf ist echt. Jeder Weg ist anders.
    Und jeder Tag ist eine neue Chance, nach dem Licht zu greifen.